Juli 2026 (Blogpost #37)
Letztes Wochenende ging der FIFA World Cup 2026 mit dem Finalsieg der spanischen Nationalmannschaft zu Ende. Das Turnier war die bislang grösste und zeitlich längste Ausgabe seit 1930: 48 Teams, 104 Spiele, verteilt auf drei Gastgeberländer und 16 Stadien, über gut vierzig Tage hinweg. Das Finale hatte in den Medien geschätzt 1,4 Milliarden Zuschauer (die mindestens eine Minute zugesehen haben).
Die FIFA verkaufte die Ausweitung auf 48 Teams als die ‹grösste und inklusivste› WM aller Zeiten und als ein ‹Fest der Verbundenheit›. Sie hat gegen 13 Milliarden US-Dollar mit dem XXL-Turnier 2026 verdient (bei einem geschätzten Aufwand von rund 4 bis 5 Milliarden US-Dollar an turnierbezogenen Ausgaben). Am meisten Umsatz machten aber die Wettbüros, bei denen Wetteinsätze von rund 50 Milliarden US‑Dollar stattfanden.
Big Business
Fussball war einmal eine Freizeitaktivität, bei der zwei Teams einem Lederball nachjagten und jenes Team gewann, das ihn am häufigsten ins gegnerische Tor beförderte. Seit die Medien den Fussball als lukratives Business entdeckt haben und mit Hilfe der FIFA Milliarden scheffeln, ist die ‹schönste Nebensache der Welt› zu einer riesigen Geldmaschine geworden, wie Stefan Gmünder und Klaus Zeyringer in ihrem Buch Das wunde Leder (Suhrkamp, 2018) nachzeichnen. Vor allem mit der TV-Vermarktung ab den 1970er-Jahren wird die Spielkultur vom Medienspektakel durch Dauermarketing, Transferzirkus und Sponsoring übertönt. So ist die schönste Nebensache zu einer Big-Business-Sparte geworden, die ein Vielfaches schneller wächst als die Industrie.
Die Spieler
Mediatisierung und Kommerzialisierung gehen beim Fussball Hand in Hand, was sich auch bei den eigentlichen Hauptpersonen bemerkbar macht. Vor dem Big Business konnte man die Spieler optisch und ästhetisch kaum von soliden Handwerkern unterscheiden. Ich denke beispielsweise an «Uns Uwe» Seeler, der als körperlich robuster, aber auch technisch versierter Mittelstürmer hart arbeitete und trotz aller Erfolge bescheiden blieb. Sein Buch Das große Fußballbuch der Jugend. Tips, Tricks, Technik, Taktik für die Könner von morgen (Arena, 1974) las ich mit zwölf Jahren mehrmals, als ich in der Juniorenabteilung des FC Wettingen aktiv war. «Uns Uwe» hat meine Haltung zum Fussball geprägt. Beim Buch-Untertitel dachte Uwe – da bin ich ganz sicher – nicht an Tricks bei der Steuerhinterziehung, Techniken der Social-Media-Selbstinszenierung oder die Taktik des Offshore-Bankings. Als Seeler 1961 ein lukrativer Vertrag für 1,2 Mio. D-Mark bei Inter Mailand angeboten wurde, entschied er sich in Hamburg beim HSV, seinem Häuschen und seiner Familie zu bleiben.

An der WM 2026 hatte ich beim Einschalten nicht selten das Gefühl, dass ich mich in eine Narcos‑Serie auf Netflix verklickt habe. Die Spieler sind heute athletischer und wohl auch technisch versierter als Uwe Seeler. Viele sind auf den sozialen Medien präsent und versuchen sich dort als Marke zu inszenieren. Ein Instagram-Ranking von 2025 listet unter den Top Ten Ronaldo auf Platz 1 (600 Mio. Follower), dann folgen Messi, Neymar, Mbappé und weitere – Zahlen, von denen Exekutivpolitiker oder Unternehmer, die grosse gesellschaftliche Verantwortung tragen, nur träumen können. «Da erstaunt es nicht, dass sich mittlerweile vor allem tätowierte Hochbegabte mit Kindergesichtern auf den Profifussballplätzen tummeln», frotzeln Gmünder und Zeyringer (2018: 97). Unvergessen die Brandrede des Schweizer Rocksängers Büne Huber I ha d Schnauze voll (ab 2:10), welchen Einfluss Ronaldo & Co. gerade auch auf den Fussball-Nachwuchs haben. Bereits Uwe Seeler monierte mangelnde Ehrlichkeit, Schauspielerei und Rumlamentieren auf dem Platz.
Medienspektakel WM
Medienspektakel wie der FIFA World Cup 2026 brauchen eine passende Anschlussstelle, um beim globalen Publikum Aufmerksamkeit zu finden. Wie können sich Zuschauer einhängen und eingehängt bleiben? Meistens funktioniert dies bei Fussballgrossereignissen über die Identifikation mit einer Nation, einem Team oder einem überragenden Spieler. Die FIFA kreierte zu diesem Zweck eine neue, fanorientierte Zeremonie vor dem Spiel, die mit Nationalflaggen, Mittelkreis-Inszenierung und einem gemeinschaftlichen Moment für alle Spieler das emotionale Erleben verdichtet. Die Kamerafahrt beim Absingen der Nationalhymnen blieb aber etwa gleich peinlich wie bei vergangenen Anlässen.
Zum ersten Mal fand nach dem Vorbild des Super Bowl im WM-Turnier 2026 eine Halbzeitshow im Finale statt. Diese verschmolz globale Musik‑ und Serienkultur zu einer irrwitzigen Melange. Statt der angekündigten elf bis fünfzehn Minuten dauerte die Halbzeitshow über 27 Minuten. Damit wurde sie im Grunde genommen zu einem eigenständigen Ereignis, das das Fussballspiel überstrahlte. Was genau Madonna, Justin Bieber, BTS, Shakira sowie Kermit, Miss Piggy und Animal aus der Muppetshow mit Fussball zu tun haben, habe ich bis heute nicht begriffen.
Die WM bei SRF
Für die klassischen Medien wie z. B. das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) bedeutete das WM-Turnier 2026 einen prekären Balanceakt: Wie können sie einerseits ihrer Informationspflicht gegenüber einem globalen Sportereignis nachkommen und andererseits ihre Rolle als vierte Gewalt in einer kritischen Analyse desselben wahren? Klar, Fussball ist in erster Linie Unterhaltung und muss in den Medien nicht immer als soziologisches Fallbeispiel und Korruptions-Langzeitpatient behandelt werden. Aber das Risiko, als opportunistische Hofberichterstatter der FIFA wahrgenommen zu werden, ist nicht klein: «Während der WM garantiert die Fifa ihren ‹ständigen Partnern› wie Coca-Cola, Adidas, Hyundai/Kia, Visa, Qatar Airways, Gazprom und ‹WM-Sponsoren› wie Budweiser, McDonald’s oder Vivo, die dafür Hunderte Millionen zahlen, eine Monopolstellung innerhalb der sogenannten ‹Bannmeile›» (Gmünder/Zeyringer 2018: 51 f.). Und dies wird dann auch von Dutzenden Juristen kontrolliert und geahndet, falls irgendwo das Bier eines Nichtsponsors ausgeschenkt wird. Der Preis für das Gesamtpaket von 104 Spielen muss ziemlich hoch gewesen sein – SRF nennt keine Zahl. In Deutschland wurden für 60 WM‑Spiele 2026 rund 152 Millionen Euro gezahlt. Die WM war aber sicher eine Goldgrube für SRF, weil im Umfeld der Übertragungen hohe Werbepreise erzielt werden.
SRF versuchte den Balace-Akt zu lösen, indem es einerseits im Vorfeld des Turniers problematisierende Beiträge sendete, andererseits während des Cups mit ihrer Community einen kritischen Online-Dialog über die Glaubwürdigkeit der FIFA führte (Resultat: 97% fanden die FIFA unglaubwürdig). Mit Beginn der Vorrundenspiele dominierte bei SRF aber ein als wenig innovativ kritisierte Spielberichterstattung. Allein die fragwürdige Aufhebung der roten Karte gegen den US-Spieler Balogun nach einem Telefonat zwischen Trump und Infantino war eine Ausnahme von der Kritik-Reserviertheit auf SRF.
Unheilbare Romantik?
Warum tun wir uns überhaupt dieses FIFA-Medienspektakel an? Warum schauen wir den Cup, obwohl wir längst wissen, dass eben diese FIFA den Fussball fast kaputt gemacht hat? Was muss ich alles wie ein tumber Ignorant ausblenden, um einem Spiel noch naiv zuschauen zu können, als ginge es um das Spiel allein? Anscheinend bin ich auch einer dieser unheilbaren Fussball-Romantiker, die glauben, das Spiel könne von dem widerlichen FIFA-Kontext mit einem chirurgisch gekonnten Schnitt abgetrennt werden. «Fussball ist neunzig Minuten reine Präsenz, in der alle Erinnerungen an gesehene und selbst gespielte Partien kondensiert sind» (Gmünder/Zeyringer 2018: 22). War das meine Anschlusstelle, die mich doch wieder den Stream einschalten liess? Oder auch pure Fussball-Nostalgie, die meiner eigenen Aktivzeit geschuldet ist? Und Vorbildern wie Uwe Seeler und der langen Kette von WM-Turnieren, die ich seit 1974 medial konsumiert habe? Vielleicht war es auch die blauäugige Hoffnung, nach Katar 2022 könne es nur noch besser werden. Wie auch immer – 2026 war die letzte WM, die ich mir angetan habe. 2030 sollen es laut FIFA übrigens 64 Teams werden.