August 2026 (Blogpost #38)

«Nieder mit den Alpen – freie Sicht aufs Mittelmeer!» war einer der kreativ-schrulligen Slogans der Jugendbewegung in der Schweiz in den 1980ern. Im Sommer 2026 ist die Forderung in kurioser Weise in Erfüllung gegangen, indem das Mittelmeer oder mindestens das heisse mediterrane Klima über die Alpen zu uns nach Mitteleuropa gekommen ist (während die Alpen vorerst erhalten bleiben, wenn auch nicht die Gletscher). Der Sommer 2026 hat sogar den Hitzesommer 2003 übertroffen, in dem in Europa jahrzehntealte Temperaturrekorde fielen. Der Mega-Sommer 2026 nördlich der Alpen wirkt so, wie wenn der Rhein neu ins Mittelmeer fliessen würde. Prognosen zufolge kann der Sommer 2026 als Blaupause dafür dienen, was uns nördlich der Alpen in der fortschreitenden Klimaerwärmung erwartet. Das Mittelmeerklima kommt die nächsten Sommer wieder, die Erfahrung von 2026 wird sich mit Sicherheit wiederholen.

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Ich schreibe diese Zeilen am neunzehnten Tag mit über 30 Grad Celsius in Folge an meinem Wohnort in der Nordschweiz Mitte August im Schatten einer Veranda. Gartenbesitzer giessen verzweifelt ihre Gärten oder räumen abgebrochene Buchenäste zur Seite. Die Bauern klagen über Trockenheit und müssen bereits im August ihr Winterheu verfüttern. Einige Medien – fast ein bisschen dankbar im Sommerloch – behandeln die Hitze und Trockenheit mit einem unhörbar alarmistischen Unterton. Während die einen von der «Klimakrise» (SRF) schreiben, greifen andere bereits zur «Klimakatastrophe» (Spiegel), was nur noch mit der «Klimaapokalypse» (taz) zu toppen ist. Aber noch ist es nicht Weltende, wie auch der Weltklimarat im April noch vor dem Hitzesommer befand, und die (Sommer-)Hüte sitzen uns Bürgern – nicht wie im bekannten Gedicht von Jakob van Hoddis (1910) – weiterhin auf dem spitzen Kopf. Weniger erhitzte Medienstimmen weichen auf praktische Informationen für ihre Leserschaft aus: Schatten suchen, zur heissesten Tageszeit Siesta machen, viel trinken, kühle Umschläge auflegen etc. In der Tat zieht es die schwitzenden Menschen unwiderstehlich zum kühlenden Wasser, die Freiluftbäder verzeichnen Besucherrekorde, und an den Flussufern tummeln sich zahlreiche Kühlungsuchende und planschen im lauwarmen Nass (26 Grad), während andere in knallige Schwimmnudeln eingelegt wie Treibholz an ihnen vorbei ziehen. Wer es aus beruflichen Gründen nicht ans Wasser schafft, könne – so ein weiterer Tipp aus den Medien – auf mentale Techniken zurückgreifen. Anscheinend kühlt uns bereits die Vorstellung eines plätschernden Baches oder eines schneeweissen Gletschers – was angesichts der massenhaft tauenden Gletscher in den Alpen wohl für viele Alpinisten eine bittere Note hat. Die Meteorologen sind begehrt, die Klimaforscherinnen auch, und die Onlineversandhändler verkaufen Klimageräte wie Sand am Meer.

Wenn wir Philosophie als Lebenskunst verstehen – was kann sie in einer solchen Situation (über das Empfehlen von mentalen Techniken hinaus) beitragen? Mit einer klassischen Tradition, die auf Platon zurückgeht, könnten wir Philosophie an sich als eine ‹Praktik der Kühlung› verstehen. Philosophie soll nämlich die Dinge ohne Emotionen, also unerhitzt bzw. ‹cool› anschauen. Nur so könne sie ‹ohne Verunreinigung› zur wahren Erkenntnis gelangen. Gegen diese coole Praxis spricht aber, dass Philosophieren ohne Körper bzw. Leib gar nicht möglich ist. Es ist reduktionistisch, nur von Kopf oder Gehirn oder Geist zu sprechen. Kritisiert wird der dieser Position zugrundeliegende Dualismus, weil er künstlich Seiten des Menschen ausklammert (die gar nicht ausklammerbar sind). Philosophieren ist immer eine Praxis, in der ich meinen ganzen Leib einsetze: Ich atme, ich muss meine Körperkerntemperatur (ca. 36,5 Grad) halten, ich brauche meine Sinne (Augen-, Tastsinn) und meine Hände, ich darf nicht zu hungrig sein, ja, auch Harn- und Stuhldrang sollten unter Kontrolle sein usw. Denken bzw. Philosophieren setzt einen einigermassen funktionierenden, reguliert-temperierten, sensomotorisch aktiven Organismus voraus. Denken vollzieht sich nicht trotz, sondern quasi durch die leibliche Verfasstheit hindurch, und macht – mehr oder weniger – schwitzen. Und bei 36 Grad im Schatten erst recht.

Zudem wirkt sich Hitze eben auch auf das – vermeintliche – philosophische Hauptwerkzeug, den anscheinend kühlen Kopf, aus. Die Neurowissenschaften haben festgestellt, dass unser Gehirn bereits bei einer Aussentemperatur von 23 Grad und höher zusätzliche Körperfunktionen wie Schweissproduktion und Blutdruckregulierung steuern muss und dadurch weniger Kapazität für komplexe Denkprozesse übrig hat. Ich denke augenzwinkernd an die Hitze Athens: Ist Platons dualistischer Ansatz vielleicht bereits einer hitzebedingten verminderten kognitiven Leistungsfähigkeit geschuldet?

Und zuletzt übersieht Platon die «Dialektik der Abkühlung» (Dunkhase 2026). Indem wir uns durch klares Denken kühlen, produzieren wir Wärme. Jede, mindestens jede physische Abkühlung erzeugt Abwärme (Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik). Insofern Philosophieren auch als leibliche Praktik verstanden wird, produziert sie damit immer auch Abwärme. Denken als Praxis kann gar nicht kühlen, im Gegenteil: Es heizt. Philosophie will und kann nicht Lifehacks anbieten zur Abkühlung, sie ist selbst direkt betroffen.

Vielleicht hilft uns Philosophieren aber wenigstens, unser Verhalten während Hitzeperioden zu reflektieren. Für eine ungestörte Reflexion suchen Denker (ich habe keine weibliche Vertreterin gefunden…) gerne einsame Orte auf, wo sie anscheinend ungestört ihrer Denkpraxis frönen können: Thoreau zog sich in eine selbstgebaute Hütte im Wald zurück, Heidegger tat dasselbe mit der von seiner Frau gesponserten Hütte im Schwarzwald (vgl. Blog #36) und Wittgenstein verschwand in seine Kate am norwegischen Fjord. Aber nur bei Nietzsche ist verbürgt, dass er sich vor allem aus klimatischen Gründen aus dem sommerlich erhitzten und schwülen Basel zurück zog. Er erlebte sein kreativstes Philosophieren im kühlen Bergklima des Engadin. Während einer sehr heissen und trockenen Sommerzeit Ende Juli 1887 schrieb er in einem Brief an seinen Mitarbeiter Heinrich Köselitz, der in Venedig am Mittelmeer weilte: «Lieber Freund! Welch ein Sommer! Ich denke Sie mir im Zimmer sitzend, mehr Omelette als Mensch.» Ja, was denkt wohl eine Omelette? Ich vermute: nicht viel.

Wenn wir keine Abkühlung finden, dann sollten wir wohl in Hitzezeiten keine wichtigen, unter Umständen gar weltverändernden Gedanken wälzen. Ein Eis, ein Flussbad oder nur schon ein Fussbad kühlen uns allemal nachhaltiger als Philosophieren. Gedanken produzieren könnte bei über 30 Grad Celsius durchaus als riskante Praxis angesehen werden – nicht nur für den Denkenden selbst. Darum stecken meine Füsse jetzt beim Schreiben dieser Zeilen in einem Zober mit kaltem Wasser. Ob es genützt hat?