April 2026 (Blogpost #34)
Anfang März strandete ein Buckelwal in der Lübecker Bucht. Häufig kommt das nicht vor, aber das gab es schon, dass Buckelwale in der Ostsee gesichtet wurden. Dokumentiert ist beispielsweise ein Buckelwal, der sich 1911 in die Flensburger Förde verirrte. Dieser Wal bekam weder einen Namen noch wurde er ‹gerettet›. Im Gegenteil: Die kaiserliche Marine verfolgte ihn und machte seinem Leben mit einer Sprengladung ein Ende. So weit bzw. so kurz die Buckelwal-Episode ‹Ausgabe 1911›. Was läuft in der Buckelwal-Episode ‹Ausgabe 2026›?
Soft News und Boulevard
Mit einem Auge beobachte ich das mediale Geschehen und frage mich, was im Sinne der Nachrichtenwerttheorie überhaupt am Mini-Zwischenfall im deutschen Norden für Medien relevant bzw. publikationswürdig sein könnte. Das Ereignis hatte kaum «news value», es gab höchstens unterhaltenden Gesprächsstoff. Also: Soft News. Das Ereignis selbst war ganz banal die Folge eines Navigationsfehlers eines einzelnen Buckelwals. Es handelte sich weder um das letzte Exemplar seiner Spezies, noch waren Menschen bei der Strandung zu Schaden gekommen. Keine Hard News.
Doch schon war das Boulevard aufgesprungen, allen voran die BILD-Zeitung. Zuerst wurde der über zwölf Meter lange und etwa zwölf Tonnen schwere Buckelwal von kreativen BILD-Journalisten ‹Timmy› getauft (weil er zuerst am Timmendorfer Strand bei Lübeck aufgelaufen war). Ein geschickter journalistischer Schachzug, weil es ein Wildtier aus dem Ozean in ein putziges Strandtierchen vermenschlichte, Empathie erzeugte und mediale Aufmerksamkeit aufbaute. Im Nu verwandelten sich Millionen Deutsche in Wal-Experten. Jeder und jede hatte Mitleid mit ‹Timmy› und einen Plan, wie man den gestrandeten Buckelwal am einfachsten wieder ins offene Meer bugsiert (die Fraktion ausgeklammert, die das Tier von Anfang an sich selber überlassen wollte).
Schritt für Schritt transformierte die BILD-Zeitung (mittels üblichem Boulevard-Drehbuch) ein Mini-Naturereignis an der deutschen Ostseeküste in ein emotionales Medienspektakel: Es startete einen LIVE-Ticker und rahmte das Randereignis sprachlich als «Krimi» und «Drama». «Ganz Deutschland» schaue besorgt auf den Wal, raunte der täglich LIVE sendende BILD-Moderator Thomas Kausch melodramatisch ins Studio-Mikrofon, bevor er das Wort an die im Faserpelz schlotternde Kollegin an der Hafenmole in Poel weiterreichte, zuständig für die vermeintlich dramatischen LIVE-Wendungen direkt vor Ort.

Der Krimi fand – abgesehen von einem kurzen Fluchtversuch des Wals an Tag 21, bevor er in einer weiteren, ingesamt fünften Strandung endete – nicht statt. Die Livecam-Zuschauer, die Stunden, ja Tage vor dem Bildschirm ausharrten, bekamen ein sich kaum veränderndes, quasi eingefrorenes Standbild geboten: den Buckel eines gestrandeten Wals, mal mehr, mal weniger tief im Wasser, mal mit mehr, mal mit weniger von den Helfern drapierten weissen Tüchern abgedeckt, um ihn vor dem Austrocknen zu schützen. Also: todlangweilig, keine Action. «Ich höre Timmy sehr deutlich schnaufen», meinte die BILD-Reporterin (fast schon verzweifelt) vor Ort.
Da wurde am Tag 22 der Strandung in der Bucht vor Poehl der Krach im sogenannten ‹Rettungsteam›, von dem man bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich nichts Genaues wusste, dankbar aufgenommen. Mit den Schlagzeilen Wie endet der Krimi um den gestrandeten Riesen? oder Buckelwal-Drama eskaliert versuchte das Boulevard weiter nach Drehbuch ein Narrativ mit Spannung, Wendungen und Feindbildern zu entwickeln. Mit der Bewirtschaftung von Feindbildern traten dann die sozialen Medien und sogenannte ‹Aktivistinnen und Aktivisten› (ein ungeschützter Titel) mit auf den Plan, die sich «grosse Sorgen» um den Buckelwal machten und insbesondere der Meinung waren, dass die Behörden zu wenig oder sogar bewusst nichts für den armen Wal unternahmen. Schnell gingen die Vorwürfe auf den sozialen Medien viral, ein regelrechter Netzkult rund um ‹Timmy› bzw. ‹Hope› (wie der Wal jetzt auch noch genannt wurde) entbrannte und im Gefolge selbstredend der übliche Internet-Beef. Aus einem Randereignis in der norddeutschen Küstenprovinz war plötzlich ein landesweites Medien-Ereignis geworden.
Von Soft News zu Hard News
Nun griffen die professionellen Medien die Soft-News-Story auf. Je länger das mediengemachte Melodrama vor der Insel Poel andauerte, desto mehr wurden aus Soft News dann Hard News: Wer war eigentlich verantwortlich für den Wal? War das nicht der Umweltminister Till Backhaus (der im Herbst in Mecklenburg-Vorpommern wiedergewählt werden möchte)? Machte der aus dem Wahlkampf einen Walkampf? Durfte Backhaus als zuständiger Umweltminister ein Rettungsteam, das sich anscheinend selbst konstituiert und legitimiert hat, und ihren Rettungsplan einfach (wie er meinte) «dulden»? Durfte man diese Ad-hoc-Truppe einfach so auf ein geschütztes und offensichtlich krankes oder sterbendes Wildtier loslassen?
Eilanträge von Privatpersonen und einem Tierschutzverein wurden beim zuständigen Verwaltungsgericht in Schwerin eingereicht, die aber alle wegen mangelnder Antragsbefugnis vom Gericht abgewiesen wurden, da nach deutschem Recht Tiere keine eigenen subjektiven Rechte besitzen und deshalb keine dritte Person rechtlich für sie klagen kann. Parallel zu den Klagen trafen im Ministerium etwa 6000 Vorschläge ein, wie das Tier zu retten sei. Gab es niemanden in Mecklenburg-Vorpommern oder in Deutschland, der das Problem mit dem Wal lösen konnte? Einmal mehr – nach BER, Deutsche Bahn und anderem – ein Problem, das Deutschland augenscheinlich nicht zu lösen im Stande war? Steht der Wal gar für Deutschland, wie ein infamer Kommentator meinte?
In der Zwischenzeit war der Buckelwal nicht nur auf ‹Timmy› bzw. ‹Hope› getauft worden, er hatte bereits einen Eintrag auf Wikipedia, in dem die ganze Strandungs- und Rettungsgeschichte detailliert dokumentiert wird. Und das Medienspektakel ersetzte zunehmend die nüchterne Realität. Der gestrandete Buckelwal war zu einem Simulakrum (Baudrillard) geworden, zu einem Zeichen, das von keinem Referenten mehr abhängt. Der reale, sterbende, geschwächte Wal war medial vollständig durch ‹Timmy› bzw. ‹Hope› überlagert worden. Nicht wenige wollten sich von dem Wal-Kuchen ein schönes Stück abschneiden: das Boulevard und die in den Aufmerksamkeitssog gezogenen professionellen Medien, mysteriöse ‹Walflüsterer› und demonstrierende Umwelt-Aktivistinnen und -Aktivisten, tierliebende Millionäre und im Impression Management geübte Unternehmen. Wem ging es eigentlich noch um den gestrandeten Wal und sein Wohl?
Relevanz durch Vermenschlichung und Projektion
Abseits des medialen Walfiebers stellt sich für mich die Frage, die für mich die eigentliche Relevanz am Ereignis ausmacht: Warum unterscheiden sich die Buckelwal-Episoden ‹Ausgabe 1911› (Sprengung des Wals) und ‹Ausgabe 2026› (Rettung des Wals) so stark? Was hat sich verändert, so dass ein Wal nicht als störender Eindringling bzw. als Ressource (Tran, Barten, Amber u. a.), sondern als ein der Rettung würdiges Lebewesen verstanden wird?
Versuch einer Antwort in drei Teilen:
Antwort, Teil 1: It’s a whale, stupid!
Laut aktuellen Schätzungen (Quelle: IUCN 2018) liegt die weltweite Buckelwal-Population bei etwa 135’000 Tieren. Das war in den Jahrzehnten intensiver Bejagung noch anders: In den 1980er-Jahren zählte man weltweit nur noch rund 1’000 Individuen. Seit 1966 stehen Buckelwale unter weltweitem Artenschutz. Seit 1986 gilt ein generelles Moratorium des kommerziellen Walfangs durch die Internationale Walfangkommission (mit den bekannten Ausnahmen Japan, Norwegen, Island und vereinzelte Indigene). Seit 2008 gilt die Art als nicht gefährdet. Neue Gefahren sind aber der Rückgang der Nahrungsgrundlagen durch Ozeanerwärmung, Schiffskollisionen, Verstrickung in Fischereinetze und Störungen der Wale durch Lärm. Weltweit sterben laut WWF auch heute noch jährlich gegen 300’000 Wale, weil sie sich in Netzen oder Leinen verfangen.
Buckelwale (Megaptera novaeangliae) sind zwar nicht so putzig wie ein Haustier, aber ganz sicher eine faszinierende, fast schon charismatische Wal-Art. Sie fallen durch ihre sehr langen Brustflossen (die fast wie menschliche Arme wirken), ihre spektakulären Sprünge über der Wasseroberfläche und ihren Gesang auf. Die Walforscherin Frances Gulland meint in einem Interview: «Ich glaube, es ist ihre Grösse, ihre Schönheit und ihr Geheimnis. Wir können nicht mit ihnen sprechen, wissen nicht genau, wie sie die Welt erleben, und sind doch tief von ihnen berührt. Wale stehen für etwas Grösseres als nur sich selbst. Sie verkörpern auch unseren Wunsch, den Ozean zu schützen.» (Der Spiegel, 21.04.26) Relevant ist beim aktuellen Strandungs-Fall sicher, dass es sich eben gerade um einen Wal handelt: das einzelne Exemplar einer Gattung, die die Phantasie der Menschheit seit Urzeiten beschäftigt (z. B. die biblische Jona-Geschichte) und sich immer schon für Projektionen unterschiedlicher Ausrichtung angeboten hat.
Antwort, Teil 2: Der Wal als Ikone der Umweltbewegung
Der Zoologe Roger Payne und der Literaturwissenschaftler Scott McVay beschrieben 1971 in der Zeitschrift Science als erste wissenschaftlich, dass Buckelwale komplexe, sich wiederholende Gesänge erzeugen. Die ‹Entdeckung› des Walgesangs löste eine Kaskade von politischen, kulturellen und rechtlichen Veränderungen aus, die den Walschutz weltweit grundlegend transformierten. Der erste und wohl wirkungsvollste Hebel war die LP Songs of the Humpback Whale (1970). Die Vynilplatte verkaufte sich über 100’000 Mal und wurde zum meistverkauften Naturklang-Album der Geschichte (die man auch heute noch digital auf Spotify und anderen Kanälen beziehen kann). Das Entscheidende war das emotionale Phänomen, das die Aufnahmen auslösten: Zum ersten Mal konnte ein breites Publikum in seinen eigenen vier Wänden zuhören, wie ein Tier singt – ein Tier, das man gleichzeitig industriell abschlachtete. Was Payne und McVays Entdeckung über den unmittelbaren Naturschutz hinaus leistete, war eine symbolische Verschiebung: Der Wal wurde zum Symbol der modernen Umweltbewegung schlechthin. Insbesondere Greenpeace verstand es, mit emotional starken Bildern und Aktionen auf die anhaltenden Probleme der Wale (Bejagung, Verunreigung der Ozeane etc.) aufmerksam zu machen.
Antwort, Teil 3: Todesverdrängung und Schuldkompensation
Der Wal ist zu einer zentralen Ikone der Umweltschutzbewegung und damit auch zu einer Projektionsfläche für Gefühle geworden. Er kann auch für ein Narrativ mit Helden und Schurken herhalten. Das (einzelne) Tier selbst wird dabei fast nebensächlich. Warum will «ganz Deutschland» (BILD) – oder mindestens zahlreiche Umwelt-Aktivistinnen und -Aktivisten in Kooperation mit tierliebenden Millionären – den Wal ‹Timmy› bzw. ‹Hope› auf Biegen und Brechen retten? Der nicht bremsbare Wille zur Rettung des Tiers zeigt auch die Unfähigkeit (oder den Unwillen), Leiden und Tod auszuhalten. Anscheinend sind wir immer weniger in der Lage, den natürlichen Tod eines Tieres zu akzeptieren. Sogar Greenpeace, das durch ihren Kampf gegen Walfang weltberühmt worden ist, unterstützt die Rettungsaktion ausdrücklich nicht – wegen der geringen Überlebenschancen und der hohen Verletzungsgefahr beim Transport. Auch die Meeresbiologen hatten (und haben) eine klare Position: palliative Begleitung statt invasiver Intervention.
Die Intensität, mit der westliche Gesellschaften heute einzelne Wale zu retten versuchen, ist nicht nur moralischer Fortschritt – sie ist auch Schuldkompensation. Nachdem im 20. Jahrhundert rund drei Millionen Wale industriell getötet wurden, und Schiffslärm, Plastikverschmutzung und Klimawandel die Meeresökosysteme bis heute zerstören, wird die emotionale Rettung eines einzelnen Wals zur Geste der Wiedergutmachung. Die Kollektivschuld des Industriezeitalters soll am Individuum ‹Timmy› bzw. ‹Hope› abgegolten werden. Früher haben uns religiöse Figuren erlöst, heute erlösen wir uns selbst, indem wir Wale retten.
Muss man den Buckelwal vor seinen Rettern schützen?
Müsste man aus ethischen Gründen den gestrandeten Buckelwal nicht vor den vermeintlichen Rettern schützen? Emmanuel Levinas, der litauisch-französische Philosoph, sprach von der Pflicht, den Anderen in seiner Alterität – seiner radikalen Andersheit – zu respektieren, statt ihn in die eigene Bedürfnisstruktur einzupassen. Vor diesem Hintergrund wäre zu akzeptieren, dass ein Wal kein Mensch ist, keine Disneyfigur, kein Objekt kollektiver Schuldabarbeitung, sondern ein Wesen mit einer eigenen Logik des Sterbens, die dem menschlichen Eingriff entzogen sein sollte. Die tiefste Form des Respekts wäre wohl, nicht zu handeln. Das ist schwer auszuhalten – aber es wäre die ehrlichere Haltung gegenüber dem Tier als das ganze Spektakel.
Diesen Post schliesse ich heute 27.04.26 am Tag 28 der Strandung in der Bucht vor Poel ab. Der Buckelwal lebt noch, liegt weiterhin in der Bucht und BILD titelt «Timmy läuft die Zeit davon».