Blogpost Januar 2026
Seit ich denken kann, haben Medien in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt. Erst in der Beschäftigung mit dem Medienwandel nach 1960 ist mir bewusst geworden, dass ich in meinem Leben zwei grosse Medienumbrüche miterlebt habe. Als später «Babyboomer» (Jg. 1963) bin ich noch in der Gutenberg-Galaxis in einer Familie aufgewachsen, die väterlicherseits aus der Druckmaschinenbranche stammte und in der Lesen und Literatur einen selbstverständlichen und wichtigen Stellenwert hatten. Einen grossen Teil meines Weltwissens erwarb ich sowohl in der Schule als auch privat aus Büchern bzw. Gedrucktem. Und im schwierigen Jugendalter waren Bücher für mich ein sehr wichtiger Gesprächspartner (der fehlende menschliche Gesprächspartner ersetzte). Die Aussage «Literatur hat mein Leben gerettet» würde ich ohne zu zögern unterschreiben.
In der medienwissenschaftlichen Literatur werden «Babyboomer» der Fernsehgeneration zugerechnet, erlebten aber biographisch zusätzlich den Übergang zur digitalen bzw. Internet‑Generation, so dass sie von zwei zentralen Medienumbrüchen – Fernsehen und Internet – geprägt werden.
Die «Babyboomer» wurden mit Radio, Zeitungen und linearem Fernsehen sozialisiert. In Europa verschob sich spätestens in den 1970er Jahren die typische Mediennutzung von einem fast reinen Radio‑, Zeitungs- und Kinoalltag hin zu einem Alltag, in dem das Fernsehen zum dominierenden Massenmedium und auch zentralen Medium im Wohnzimmer wurde. Radio und Presse blieben wichtig, verloren aber ihre Exklusivität bei aktuellen Ereignissen und bei der Unterhaltung: Das Fernsehen brachte bewegte Bilder und Live-Übertragungen direkt nach Hause. Wichtige Ereignisse erinnere ich in Form von TV-Bildern: von der Fussball-WM 1974 in Deutschland, den ESC-Livesendungen, Tschernobyl 1986, dem Mauerfall in Berlin 1989 bis hin zu 9/11 im Jahr 2001.
Mit der Ausweitung der Programme, dem 24/7‑Betrieb und der technischen Verfügbarkeit vieler Kanäle (Kabel-TV) entstand ein nahezu endloser Strom von Bildern, Spots und Sendungen. Das Fernsehen nahm einige Phänomene des Internets bereits voraus – einerseits das Gefühl, mittels des Mediums eine Art offenen Blick in die ‹grosse, weite Welt da draussen› zu erhalten, andererseits aber auch das Gefühl, bei längerem TV-Konsum vom Medium quasi ‹eingesogen› zu werden.
Während meines Studiums in den 1980er Jahren tauchten dann als erste für mich spürbare Zeichen einer erneuten Medienrevolution Personal Computer auf. Während ich die ersten philosophischen Proseminar-Arbeiten noch in meine geliebte alte Hermes 3000 gehackt hatte, so übte ich in der Wirtschaftsinformatik den Einsatz von Datenbankprogrammen bereits an einem Macintosh 128K von Apple, und meine Germanistik-Abschlussarbeit über Angelus Silesius tippte ich an einem IBM-PC.
Der Übergang ins Informationszeitalter und der Wechsel zum Leitmedium Internet hatten auch nach dem Studium einen grossen Einfluss auf meine private und berufliche Entwicklung. Nach ein paar Jahren als freier journalistischer Mitarbeiter beim «Badener Tagblatt» erlebte ich während des Studiums die disruptive Entwicklung in unterschiedlichen Rollen – als Medienkonsument, Vater, Hochschullehrer, Didaktiker, Medienethiker und Blogger. Folgende Ereignisse haben meine Medienbiographie nach 2000 geprägt:
- die Entfaltung des Internets, die Euphorie ab 2005 mit den neuen Partizipations- und Publikationsmöglichkeiten im Netz (z. B. Blogging)
- der Aufstieg der Social-Media-Plattformen und die Möglichkeiten einer globalen Verknüpfung mit Menschen und ihren Interessen
- der erhebliche Einfluss der digitalen Medien in der Erziehung und Sozialisation der Generation Y und Z (eigene 2 Kinder)
- die umwälzende Wirkung der Digitalisierung auf den Bildungsbereich (obligatorische Schule, Berufsbildung, Hochschulen)
- der unaufhaltbare Siegeszug der Smartphones (ab 2007)
- der Reichweiten-Einbruch der professionellen (redaktionellen) Medien
- die grossen Datenschutz-/Überwachungs-Skandale (NSA/PRISM, Cambridge Analytica u. a.)
- der Aufstieg der Plattform-Ökonomie und des «surveillance capitalism» (Zuboff 2015, dt. Zuboff 2018)
- die Rolle von Trollfabriken bei Abstimmungen (Brexit, Trump)
- die «Darthvaderisierung» (Andree 2025) der Medienlandschaft durch die US-amerikanischen Intermediäre (GAFAM: Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft)
- der KI-Hype mit der Lancierung von ChatGPT ab November 2023
- der strategische Schulterschluss der GAFAM-Oligarchen aus dem Silicon Valley mit der MAGA-Truppe ab Januar 2025.
Meine anfängliche Euphorie über das Internet und seine Möglichkeiten verdampfte einerseits in der Rolle als Vater bzw. ‹Medienerzieher› der eigenen Kinder, andererseits in der Rolle als intensiver Internetnutzer, der viele Datenspuren im Netz hinterlässt, spätestens mit den Snowden-Enthüllungen (2013) über die NSA. Vor allem in der Vater-Rolle spürte ich die negativen und riskanten Seiten des Netzes ganz nah und persönlich: Videogames, Ballerspiele, Chat-Marathons, leichter Zugang zu Pornos etc. Einerseits habe ich aber von niemandem mehr über die neuen Medien und das Internet gelernt als durch meine und von meinen aufwachsenden Kindern. Andererseits wusste ich aber über den Medienkonsum meiner Kinder viel mehr als meine Eltern über den meinigen je gewusst hatten – eine durchaus auch problematische ‹Transparenz›.
Hatten für mich als Ethiker und Ethikdidaktiker grundsätzliche, soziale und biologische Fragen eine Rolle gespielt, rückten mit der Entwicklung des Internets Fragen der Medienethik immer stärker in meinen Fokus. Medienethik war bis dann vorwiegend eine Professionsethik für Medienschaffende (siehe Richtlinien des Schweizers Presserats). Mit der Mediatisierung der Gesellschaft – dem immer grösseren massiven Einfluss von Medien im sozialen und privaten Leben – erweiterte sie sich in eine Ethik der mediatisierten Welt (Rath 2014, Prinzig et al. 2015) bzw. in eine digitale Ethik (Grimm et al. 2024). «Tiefenmediatisierung» (Hepp 2019, dt. Hepp 2021) will sagen, dass digitale Medien nicht mehr nur Kommunikationskanäle sind, sondern eine gesellschaftsgestaltende Kraft bekommen. Alle Elemente unserer sozialen Welt werden eng mit digitalen Medien und ihren Infrastrukturen verwoben. Sie «rekonfigurieren» (Hepp) aktiv unsere Gesellschaft. Keine Generation war bisher bis in den Alltag und ins intime Leben hinein so stark mit Medien verwoben wie die unsere – was für die Generationen X, Y, Z und Alpha noch viel stärker gilt als für die sog. «Babyboomer».
Wie gesagt: Seit ich denken kann, haben Medien in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt. Dass diese mediale Verwobenheit (neben allen Vorteilen, Chancen und Bequemlichkeiten) auch ihre riskanten Seiten hat, liegt auf der Hand. Für die Philosophie eröffnen sich m. E. vor allem zwei Kernfragen. Erstens die anthropologische Frage: Was macht die Tiefenmediatisierung mit uns (als Menschen)? Zweitens die ethische Frage: Wie kann eine tiefgreifende Mediatisierung gestaltet werden, die ein ‹gutes Leben› für alle ermöglicht?