März 2026 (Blogpost #33)

In ihrem Atlantic-Artikel vom 17.03.2026 zum Irankrieg beklagt Anne Applebaum, dass Everyone but Trump Understands What He’s Done. An Applebaums Sichtweise verblüfft, dass sie Trump als rationalen Aussenpolitiker adressiert. Damit wiederholt sie eine Fehlinterpretation, die typischerweise vor allem bei europäischen Kommentator:innen und Politiker:innen zu hören ist.
Diese lesen Trump in erster Linie als Politiker – was auf den ersten Blick ja durchaus naheliegend ist. Doch am Ende des Tages versteht man Trump erst dann adäquat, wenn man seine Auftritte und Entscheidungen als Teil einer grossen Reality-TV-Show liest. «This is going to be great television, I will say that», raunte er in die Kameras, nachdem er im Februar 2025 den ukrainischen Präsidenten Selenskyi im Oval Office vor laufenden Kameras vorgeführt hatte (siehe dazu Kasten Fall 1: Selenskyi im Oval Office).
Politik als Reality-TV-Show
Dass Trump besser als Produzent und Regisseur einer Reality-TV-Show mit politischen Attributen denn als klassischer Politiker gelesen werden soll, ist keine neue These und Sichtweise. Bereits am Anfang seiner ersten Präsidentschaft (Trump 1.0) legten hellsichtige Interpret:innen (siehe Nesbit 2016, Ouellette 2016, Showalter 2017) nahe, ihn aus medialem Blickwinkel primär als TV-Showmaster zu verstehen. Dass Trump 1.0 und 2.0 ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Show, Aufmerksamkeit und situativer Machtausübung hat, scheint zwar den meisten Zeitgenossen in der Zwischenzeit klar. Aber für nicht-amerikanische Kommentator:innen und Politiker:innen scheint eine medial orientierte Lesart (immer noch) ungewohnt bis fremdartig – wohl auch deswegen, weil sie nicht in der hochkommerziellen US-amerikanischen Medienlandschaft sozialisiert worden oder sich der starken Verflechtung der Medien (insbesondere TV) mit der US-Politik nicht bewusst sind (siehe dazu Kasten Fall 2: Keller-Suters Telefonat).
Es ist erstaunlich, wie viele typische Elemente einer Reality-TV-Show auf Trumps Handeln als Präsident anwendbar sind:
- Konfliktzentrierung: Trump spitzt politische Auseinandersetzungen mit Gegnern im In‑ und Ausland zu, wobei der sichtbare Streit oft wichtiger ist als Problemlösung.
- Zuteilung binärer Rollen: Trump teilt Akteure in simple Rollen wie stark vs. schwach, Patriot vs. Verräter, Fake News vs. loyale Medien ein, um klare Freund‑Feind‑Bilder zu erzeugen.
- Demütigungsrituale: Trump beschimpft öffentlich Mitarbeitende oder Verbündete als inszenierte Machtdemonstration.
- Cliffhanger:Trump kündigt immer wieder vage ‹grosse› Massnahmen an, aber verschiebt ständig Entscheidungen, um einen Zustand permanenter Erwartung aufrechtzuerhalten.
- Episodische Storylines: Trump reiht einzelne, medienwirksame Politik‑Plots aneinander (z. B. die Mauer gegen Immigranten, die Abkanzlung Selenskyis, die Strafzölle gegen Handelspartner, einen möglichen Kauf von Grönland, die Entführung des venezolanischen Präsidenten Maduro und dessen Ehefrau, den Krieg gegen Iran u. a.), die kurzfristig dominieren, aber nur lose strategisch verknüpft sind.
- Tabubruch als Authentizität: Trump setzt gezielt Tabubrüche ein z. B. durch direkte, oft vulgäre Sprache und demonstrativ ‹unpräsidiales› Auftreten, um sich als angeblich ungefiltert und volksnah zu inszenieren.
- Metakommentierung: Trump kommentiert offen die eigene Inszenierung, nimmt ständig Bezug auf Quoten, Medien und «great television» und spricht sein Publikum direkt über Social Media an.
- Agenda-Hacking: Trump produziert gezielt skandalträchtige Aussagen und überraschende Schritte, um Nachrichtenzyklen zu dominieren und sachorientierte Themen zu verdrängen.
- Spektakelstil: Trump zeigt übersteigerte Gestik und Mimik und braucht einprägsame Spitznamen für seine politischen Gegner («sleepy Joe», «cheatin‘ Obama», «Little Rocket Man» u. a.).
Wie in seiner einstigen Reality-TV-Show The Apprentice, die er von 2004 bis 2017 moderierte, setzt Trump Politik als Ensemble‑Show in Szene: Loyalisten als Stars, Kritiker als Bösewichte.

Selenskyi im Boardroom
Das Oval Office wird zum Boardroom, der nach Trumps «You’re fired»-Dramaturgie aus «The Apprentice» funktioniert. Den Ukrainekrieg setzt Trump vor allem ein, um sein eigenes Bild als starker Dealmaker zu inszenieren und Konflikte in TV‑taugliche Szenen zu übersetzen.
Fall 1: Selenskyi im Oval Office (Februar 2025)
Anstatt eines vertraulichen, hochsensiblen Gesprächs über Krieg, Waffenlieferungen und Sicherheitsgarantien wird eine Kamerapräsenz inszeniert, die den Wortwechsel zwischen Selenskyi und der Trump-Truppe Schritt für Schritt in einen Showdown verwandelt. Im Verlauf der Begegnung unterbrechen Trump und Vance den ukrainischen Präsidenten mehrfach, ironisieren seine Kleidung, stellen ihn aggressiv zur Rede, sprechen im erhöhten Tonfall über angebliche ukrainische Uneinsichtigkeit und drohen, westliche Unterstützung zu drosseln, falls Kiew Trumps ‹Friedensplan› nicht akzeptiere. Schliesslich beendet Trump das Treffen abrupt und kommentiert den eben erlebten Konflikt mit: «This is going to be great television, I will say that». Dieser Satz markiert die Szene ausdrücklich als TV‑Produkt und offenbart, dass Trump den laufenden Krieg nicht nur als politisches Problem, sondern als Rohmaterial für eine mediale Episode versteht. Dramaturgisch greift die Oval-Office-Episode auf klassische Reality‑TV‑Mittel zurück: künstliche Deadlines («accept this plan or you’re on your own»), öffentlich ausgespielte Erpressung, emotionale Eskalation vor laufender Kamera und eine klare Gewinner‑Verlierer‑Codierung im Bild (Trump, der aufsteht und abbricht, Selenskyj, der sichtbar isoliert bleibt).
Krieg gegen Iran als neue Episode
Vor dem Hintergrund einer medial orientierten Lesart drängt es sich auf, auch den momentanen Krieg gegen Iran (März 2026) als eine weitere Episode in Trumps fortlaufender aussenpolitischer Storyline zu verstehen. In offiziellen Hype‑Videos werden reale Luftschläge und Raketenstarts mit Szenen aus Actionfilmen wie «Braveheart», «Gladiator», «Top Gun», «Iron Man» u. a. kombiniert, die den Irankrieg wie einen Action‑Trailer oder einen Shooter aussehen lassen. Dabei ist offensichtlich, dass es Trump in erster Linie weder um den Sturz der Theokratie im Iran noch um die Unterstützung der für ihre Freiheit kämpfenden Iraner:innen geht. Seine Geopolitik folgt nicht der Logik von Strategiepapieren, sondern allem Anschein nach der Medienlogik einer aufmerksamkeitsgetriebenen Spektakel‑Ökonomie.
Wie einem Bühnenmagier gelingt es Trump mit seiner Ablenkungsshow immer wieder, dass wir nicht dorthin schauen, wo ‹die Post abgeht› bzw. was einer genaueren und kritischen Prüfung bedürfte. Die medial orientierte Sichtweise hilft, das Feuerwerk nicht mit dem Feuer zu verwechseln (Mitrovica 2025). Denn das Ziel von Trumps Show ist offensichtlich, seine disruptive Agenda voranzutreiben und den Schaden zu verschleiern, den diese Agenda anrichtet. Darum wird er den Irankrieg auch schleunigst für beendet erklären, wenn die Zustimmung des Publikums abnimmt. Da der Angriff – so die Annahme – vor allem von seinen Skandalen (z. B. Epstein) und seinem politischem Versagen (z. B. Ukraine-Krieg bzw. Haltung zu Russland) ablenken soll, muss er dann wieder eine neue Episode für seine Storyline kreieren.
Wie umgehen mit einem Politshowmaster?
Besorgten Zeitgenossen vermag die medial orientierte Sichtweise helfen, Trump adäquater zu lesen. Dummerweise ist aber Trump 2.0 keine Reality-TV-Show, sondern politische Realität. Im Unterschied zu einer TV-Reality-Show haben die Entscheidungen von Trump von Fall zu Fall nicht nur innenpolitisch, sondern auch für Europa und global sehr starke Auswirkungen auf Wirtschaft, Gesellschaft, Klima etc. Nützt eine medial orientierte Lesart auch den politischen Entscheidungsträgern beispielsweise in Europa und in der Schweiz? Oder anders gefragt: Wie sollen politische Entscheidungsträger mit einem Polit-Showmaster umgehen, der gleichzeitig der mächtigste Mensch der Welt ist?
Wer Trump nur moralisch verurteilt, bleibt in der Zuschauerrolle. Moralische Empörung über die Trump-Show scheitert, weil sie Trump an der Logik regelbasierter, rationaler Politik misst. Wer ihn aber in der medial orientierten Lesart vor allem als Showmaster versteht, kann unterscheiden: Wann ist etwas reines Framing, wann testet er Grenzen, wann versucht er, die Preisstruktur eines Deals zu verschieben usw. Die medial orientierte Lesart sollte gerade bewusst machen, dass die Trump-Show der Modus ist, in dem sehr reale Machtverschiebungen umgesetzt werden. Für Trump zählen nicht konsistente Signale, institutionelle Pfadabhängigkeiten oder Glaubwürdigkeit, sondern Ratings, Resonanzen und kurzfristige Narrative. In dieser Konstellation werden klassische Bündniserwartungen (Gegenseitigkeit, Planbarkeit) systematisch enttäuscht, weil der Realityshow‑Master gar nicht erst versucht, sie zu bedienen.
Fall 2: Telefonat Karin Keller-Suter mit Trump (August 2025)
Das Telefonat offenbart das Fehlen einer adäquaten Lesart von Trump. Auf Seite Keller-Suter: der Versuch, mit sachlichen Argumenten (Handelsdefizit sei kein Verlust, gegenseitige Verflechtungen, Win‑win‑Rationalität) Vertrauen zu erzeugen und eine gemeinsame Faktenbasis zu etablieren. Auf Seite Trump: Nutzung des Gesprächs als Bühne, Testen von Dominanz («runterputzen»), Forderung direkter Zahlungen und der Versuch, den Preis für Marktzugang kurzfristig hochzutreiben – unabhängig von langfristigen institutionellen Beziehungen. Aus Schweizer Sicht wirkt der korrigierende Einwurf von Keller-Suter rational und notwendig. Aber in der Show‑Logik liest er sich als Statusangriff einer ‹oberlehrerhaften› Figur, worauf mit Strafzöllen und öffentlicher Herabsetzung reagiert wird.
Das missglückte Telefonat verrät, dass Karin Keller-Suter den Wechsel des Genres unterschätzt und eine medial orientierte Lesart nicht adaptiert hat. Noch einmal: Die regelbasierte Diplomatie wurde durch eine machtorientierte, disruptive Reality-Show abgelöst. In der Logik eines Showmasters ist die Schweiz als kleiner, reicher Staat ein ideales Requisit: Man kann diesen Kleinstaat loben, verspotten, erpressen, denn das alles erzeugt Story‑Value. Die Frage ist eben nicht, ‹wie man Trump beruhigt›, sondern wie man die eigene Rolle so definiert, dass man nicht zur naiven Statistin in einer fremden Show wird.