Blogpost Februar 2026
Im Januar-Post schrieb ich, dass in den 1960ern Geborene einen doppelten Medienumbruch erlebten. Oder anders gesagt: Die sog. ‹Babyboomer› lebten (und leben) in drei unterschiedlichen Leitmedien‑Konstellationen bzw. Medien‑Regimes: im Radio/Print‑Zeitalter, im TV‑Zeitalter und im Internetzeitalter. Hier möchte ich mit der Frage anschliessen: Ist die Erfahrung von Medienumbrüchen bzw. dem Wechsel von Leitmedien für die Entwicklung von Medienkompetenz ein Vorteil? In aktuellen Debatten werden ‹Babyboomer› nicht selten so adressiert, als hätten sie im Vergleich zu den in den 2000er Jahren Geborenen Mühe, sich mit den digitalen Medien zurecht zu finden. Ich erinnere mich, dass diese Adressierung mit den Begriffen Digital Immigrants und Digital Natives begann.
Die Begriffe gehen auf den Schriftsteller Marc Prensky zurück, der sie in seinem Essay Digital Natives, Digital Immigrants (Prensky 2001) verwendete. Prensky entwarf keine Theorie, aber eine ansteckende Metapher. Er behauptete, dass nach 1980 Geborene durch ihre digitale Sozialisation fundamental anders denken und lernen als ältere Generationen. Vor 1980 Geborene (insbesondere ‹Babyboomer›) dagegen gelten als Digital Immigrants, da sie erst im Erwachsenenalter mit digitalen Technologien in Berührung kamen.
Prenskys Metapher hatte etwas Eingängiges und bekam von Anfang an hohe Aufmerksamkeit. John Palfrey und Urs Gasser griffen die Metapher in ihrem Buch Generation Internet. Die Digital Natives: Wie sie leben, was sie denken, wie sie arbeiten (Palfrey & Gasser 2008) auf.

Damit verbreitete sich die Metapher auch im deutschsprachigen Raum. In meinen Lehrveranstaltungen und Kursen verwendete ich die Metapher zuerst auch. Aber mit der Zeit verzichtete ich auf sie, da sie mir je länger je mehr verzerrend, ja falsch vorkam.
Medienwissenschaften kritisierten Prenskys Metapher vor allem dafür, dass ihr keine empirischen Belege zugrunde liegen (vgl. Bennett, Maton & Kervin 2008). Neben der fehlenden empirischen Evidenz geht sie aber auch von den falschen Annahmen aus, dass erstens alle im Internetzeitalter Geborenen – Digital Natives im Sinne Prenskys – intuitiv wüssten, wie sie die neuen Technologien gekonnt anwenden; dass es zweitens so etwas wie eine homogene Mediengeneration (‹net generation›) überhaupt geben kann und dass es drittens beim Erwerb von Medienkompetenz und digitaler Kompetenz zwischen dem Fernsehzeitalter und dem Internetzeitalter qualitativ tiefe Brüche gibt. Jüngere Menschen adaptieren zwar neue Technologien schneller und selbstverständlicher. Aber die Natives/Immigrants-Dichotomie unterschätzt einerseits die Hetegorenität innerhalb einer Alterskohorte und überschätzt andererseits die adaptive Fähigkeit von Natives. Spätestens mit der Verbreitung von Smartphones lag es auf der Hand, dass Medienkompetenz und digitale Kompetenz im Internetzeitalter nicht automatisch passieren, sondern auf Schule und Bildung (und auf das Elternhaus) grosse Aufgaben zukommen.
Prensky hat seinen Ansatz später revidiert und anerkannt, dass Medien- und digitale Kompetenzen aktiv erworben werden müssen, also nicht automatisch entstehen. Trotzdem spukt seine Metapher immer noch in Bildungsinstitutionen und Managementdiskursen weiter.
Statt einer dichotomischen Typologie unterteilen neuere Studien die User digitaler Medien nicht nach Generationen bzw. Alterskohorten, sondern nach anderen Faktoren. Für die Schweiz ist die IGEM-Studie interessant, die aus dem Material (Stichprobengrösse: 1’980 Personen ganze Schweiz, 2021) fünf Typen extrahiert hat (Digimonitor 2025):

Individuell habe ich Mühe, mich einem der fünf Typen klar zuzuordnen – am ehesten Typ 4. Ich finde bei mir aber auch Elemente aus anderen Typen. Die Typologie bleibt ebenfalls grob, gibt aber einen genaueren Einblick als Prenskys simplifizierende Dichotomie.
Zurück zur Ausgangsfrage:
Da in den 1960ern Geborene Erfahrung mit zwei Medienumbrüchen machten und in drei Medien-Regimes leb(t)en, könnte man durchaus vermuten, dass sie einen Vorteil für die Entwicklung eines kritischen und reflektierten Umgangs mit Medien haben. Die Vermutung lässt sich jedoch nicht generell beantworten, da Mediensozialisation von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängt und die Entwicklung von Medienkompetenz sehr individuell verläuft.
Der Vermutung unterlaufen dieselben falschen Annahmen wie Prensky: Niemand wird sozusagen ‹von selbst› kompetent, nur weil er zwei oder mehr Medienumbrüche erlebt hat. Die Frage müsste darum so gestellt werden: Unter welchen Bedingungen kann die Erfahrung von Medienumbrüchen ein Vorteil für die Entwicklung eines kritischen Medienbewusstseins bzw. Medienkompetenz sein?
Ein wichtiger Vorteil bei der Erfahrung eines Medienumbruchs ist sicher, dass er Vergleiche ermöglicht: «Es war auch einmal anders.» Medienumbrüche können infolge der Kontrasterfahrungen die Einsicht fördern, Medien als gestaltete Umwelten zu sehen und nicht als naturgegebenen Zustand. Wer erlebt hat, dass ein vormals dominantes Leitmedium (Print, Radio, TV) seine Monopolstellung verliert, versteht leichter, dass auch heutige Plattformen kontingent und veränderbar sind. Um aber für die Entwicklung von Medienkompetenz nutzbar zu werden, müssen die Umbrucherfahrungen (z. B. in pädagogischen Settings) explizit gemacht und reflektiert werden. Als blosse Erfahrung haben sie keinen Einfluss, führen vielleicht eher zu Ängsten, medialem Rückzug oder pauschalen Abwertungen («früher war alles besser»).
Eine weiteres wichtiges Element ist, wenn Medienumbrüche als Veränderung von Macht‑, Wirtschafts‑ und Wahrnehmungsstrukturen (Ownership, Geschäftsmodelle, Algorithmen, Datenpolitik) verstanden werden. Empirische Arbeiten zu Medienkompetenz zeigen, dass Lese‑ und Analysefähigkeiten eng mit kritischem Umgang mit Medien korrelieren. Wer bereits gelernt hat, Texte und Bilder analytisch zu lesen, kann den Medienumbruch eher nutzen, um neue Formate kritisch einzuordnen, statt ihnen schlicht ausgeliefert zu sein.
Fazit: Die Erfahrung von Medienumbrüchen ist für die Entwicklung von Medienkompetenz dann wertvoll, wenn sie kritisch reflektiert und die Hintergründe verstanden werden. Zugespitzt kann man Prenskys Ansatz um 180 Grad drehen: Unter der Voraussetzung, dass ‹Babyboomer› ihre Medienumbruchserfahrungen kritisch reflektieren, haben sie gegenüber den später Geborenen (Natives) auch im Umgang mit digitalen Medien einen deutlichen Vorteil.