Juni 2026 (Blogpost #36)


Waldbaden – vor einiger Zeit aus Japan (Shinrin Yoku) herübergeschwappt – meint einen gezielten, achtsamen, zeitlich beschränkten Aufenthalt im Wald mit dem Ziel, Gesundheit und Wohlbefinden zu stärken. Laut Anbietern steht dabei das ‹Eintauchen in die Wald-Atmosphäre› im Zentrum. Das geschieht durch langsames Gehen, bewusstes Wahrnehmen von Gerüchen, Geräuschen, Licht, Texturen, begleitet von einfachen Achtsamkeits‑ und Atemübungen. Waldbaden wird als Therapie gegen Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Depression oder Burnout angepriesen, und nicht wenige Zeitgenossen suchen im Wald eine Auszeit von Zwängen und Konventionen der Zivilisation. Spätestens seitdem das Buch des ehemaligen Försters Peter Wohlleben (Das geheime Leben der Bäume, 2015) zum Bestseller und auch verfilmt (2020) wurde, hat der Wald als Sehnsuchtsort Hochkonjunktur in Deutschland (in der Schweiz sind da noch die Berge, die sich für Sehnsuchtsprojektionen anbieten).

Genaugenommen baden wir in Mitteleuropa aber nicht im Wald, sondern im Forst – also in einem von Menschenhand gestalteten Naturwald. Der Forst ist sozusagen die höfliche Version des Waldes: mit Wegen erschlossen und so ‹aufgeräumt›, dass niemand sich wirklich verliert. Wenn wir waldbaden, betreten wir einen Raum, der von Forstplänen, Eigentumsgrenzen und Schutzzonen durchzogen ist. Es ist, wie wenn wir in ein Spa gingen: Ticket gelöst, Programm gebucht, Wirkung erhofft. Die Forstwissenschaft unterscheidet zwischen Sekundärwald (Forst bzw. Wirtschaftswald) und Primärwald (Urwald). In Mitteleuropa gibt es heute nur noch wenige Reste der einstigen Urwälder.

Menschen nutzen Wald

Menschen nutzen Wald in Mitteleuropa seit etwa 2000 Jahren (Küster 2017) – bis hin zum Waldbaden, das aber immerhin eine sanftere Nutzungsform ist als in den Zeiten der Holzfäller, Köhler und Glasmacher. Im Forst sehen wir eine Natur, die uns ähnlich ist: berechenbar, segmentiert, nutzbar. Den Urwald müssen wir gezielt suchen. In ihm ist, wie Adalbert Stifter in seiner Erzählung Der Hochwald (1844) schrieb, «seit der Schöpfung noch keine Axt erklungen». Urwald ist für sich und nicht für uns da. Wir sind dort nur Zaungäste. Zum Beispiel der Boubínský prales (dt. KubanyUrwald) im Böhmerwald. Einst war das Mittelgebirge zwischen Bayern und Böhmen von einem fast undurchdringlichen Urwald bedeckt. Kaum jemand wagte sich in diese Gegend. Heute ist von diesem Urwald noch ein geschützter (und nicht betretbarer) Kern übriggeblieben, dessen Alter auf 12.000 Jahre geschätzt wird, wobei sich die Altersangabe nicht auf einzelne Bäume (die ältesten Fichten sind gegen 500 Jahre alt), sondern auf die kontinuierliche Entwicklung dieser Waldgesellschaft seit dem Ende der letzten Eiszeit bezieht.

Doch nicht allein Holzfäller, Köhler und Glasmacher bemächtigten sich der Wälder Europas, auch Dichter liessen sich inspirieren. Während Ludwig Tieck 1796 im Kunstmärchen Der blonde Eckbert das Kompositum «Waldeinsamkeit» prägte, erschien beim patriotisch bzw. anti-napoleonisch gesinnten Joseph von Eichendorff der Wald als Seelenlandschaft, Projektionsraum, Gegenwelt zur Stadt und zeitlose Idylle: «Da draussen, stets betrogen, saust die geschäft’ge Welt, schlag noch einmal die Bogen, um mich, du grünes Zelt» (Gedicht Abschied vom Walde, 1810).

Der Wald bei Heidegger

In der deutschen Philosophie hat der Wald seit den Romantikern und vor allem seit Martin Heidegger eine erstaunliche Karriere hingelegt. Während die einen noch durch städtische Passagen flanierten, zog sich der ‹Wunderrabbi› von Freiburg (siehe Post vom März 2025) 1922 in eine – von seiner Frau Elfride finanzierte – Hütte im Schwarzwald zurück, um dort über Sein und Zeit nachzudenken (PS: Warum Elfride ihren denkstarken Ehemann in eine Hütte in den Hochschwarzwald ‹auslagerte›, wäre auch interessant zu verfolgen, aber würde einen eigenen Text benötigen – auf jeden Fall war Elfride ihr Genie jeweils für einige Zeit los). Wie bei den deutschen Romantikern wird der Wald bei Heidegger als Gegenwelt zur technisch‑industriellen Moderne, als Ort, an dem der Mensch «wohnen» und «im Geviert» verankert sein soll, während die Stadt als Ort des Verfalls erscheint. Könnte man ketzerisch Heideggers in der Waldhütte verfasstes Hauptwerk Sein und Zeit, das von vielen Stimmen immer noch als eines der wichtigsten philosophischen Werke des 20. Jahrhunderts angesehen wird, als tumbes Walddenken verstehen? ‹Waldanbindung› hat auf alle Fälle nicht nur bei deutschtümelnden Gemütern, sondern auch bei Philosophie häufig einen konservativen, antimodernen oder völkischen Habitus. Die Jahrzehnte im Wald haben das Denken Heideggers nicht zu kritischer Selbstbesinnung animiert, sondern seine bäuerlich-völkischen und technikkritischen Motive sowie seine antisemitischen Ressentiments eher noch verfestigt.

Gerade in der NS-Zeit wurden die Deutschen als Waldvolk (wie bereits Tacitus schaudernd feststellte) konzipiert und scharf abgegrenzt gegen die ‹slawischen Steppenhorden› und das ‹jüdische Wüstenvolk›. Im Sommer 1967 besuchte Celan Heidegger in seiner Waldhütte. Der jüdische Dichter, der seine Eltern in der NS-Zeit verloren hatte, selbst nur knapp dem Tod im Ghetto Czernowitz entronnen war und mit der Todesfuge den Holocaust dichterisch zu fassen versuchte, war von der hohen Bedeutung angetan, die Heidegger der Dichtung in seiner Philosophie zumass. Celan hoffte aber auch auf «auf eines Denkenden | kommendes | Wort» – mithin einen klärenden Kommentar zu seiner Rolle in der NS-Zeit. Doch weder ein Wörtchen des Beschämtseins noch ein Sätzchen des Entschuldigens entstieg als ostentative Rauchsäule dem Kamin von Sankt Martins Waldhüttlein. Da haben auch 45 Jahre Waldbaden nicht geholfen. Celan verfasste nach dem Besuch das berühmt gewordene und vielfach kommentierte Gedicht Todtnauberg, aus dem das obige Zitat stammt.

Im Urwald

Im Laufe des letzten Jahres habe ich mich mehrmals einige Tage am Rand und im Boubín-Urwald aufgehalten, lief auf Zutrittswegen, aber auch off-trail auf Tierpfaden, legte mich ins Moos, las Zapfen auf, roch an fauliger Rinde, hörte in den Wald hinein, schmunzelte über eine Bergrettungshütte mitten im Wald (wen gäbe es hier zu retten?), beobachtete meine Gedankenströme und zuckte bei vagen Bewegungen zwischen Baumstämmen in der Ferne zusammen. Ein Ort wie der Boubín‑Urwald passt schlecht zu einem Waldbaden-Setting. Urwald steht und webt für sich, er braucht mich nicht. Vielmehr ist mein Kurzaufenthalt wohl eher ein Störfall – wenn auch in den Zeitdimensionen eines Urwalds vollkommen unerheblich. Ich fühle mich gleichzeitig fremd und wohl im Urwald, lege mich auf ein Moosbett, bis Ameisen meine Unruhe wecken. Ich suche zwischen den vielen Stämmen nach schönen Durchblicken, projiziere Vorstellungen ins Gehölz, aber «Der Wald steht schwarz und schweiget» (Matthias Claudius). Urwald ist pure Fremdheit.

Wir anthropomorphieren immer, um uns Fremdes, auch den Urwald, anzueignen (Bev Doolittles Vexierbild The Forest Has Eyes zeigt dies sehr schön, wenn auch unkritisch gegenüber den eigenen Projektionen – die sich aus dem Wald herausschälenden Gesichter sind alle indigen). Auch die Thesen des Bestsellerautors Wohlleben zu «Gefühlen» von Bäumen, altruistischer Nährstoffweitergabe und «Mutterbäumen» wurden seitens Biologen, Waldökologen und Forstwissenschaftler als überzogen oder nur schwach evidenzbasiert kritisiert.

Urwald als ein Raum der Ursprünglichkeit, der die Sehnsucht nach dem (vermeintlich) Authentischen, Originären stillt. Doch woher kommt diese Sehnsucht? Warum der Drang zum Originären? Es ist der Wunsch nach Wiederverzauberung. Allem Anschein nach sehnen wir uns aus unserer durchorganisierten, verwalteten, überregulierten, gezähmten und dichten Lebenswelt zurück nach dem, was wir als das Echte und Ursprüngliche adressieren. Dafür müssen dann allerlei Naturbereiche herhalten, die wir als ‹Wildnis› lesen: Wälder, Berge, Meere. Unsere Aufenthalte dort sind aber in der Regel temporär, eher kurz, nicht nachhaltig. Oft schlägt uns das Ursprüngliche mit seinem «delightful horror» (Burke) auch überraschend ins Gesicht – oder ignoriert uns und unsere Sehnsüchte komplett. Oder wir müssen unseren Besuch unverhofft mit vielen anderen Sehnsuchtssuchern der gleichen Spezies teilen, die ihren Besuch wiederum mit den Followern auf ihrem Insta-Kanal teilen wollen. Kurz: eine grosse Selbsttäuschung. Waldbaden geht nur als Forstbaden. Im Urwald klappt das nicht.